Einmal ist erst der Anfang
Vor langer Zeit, als ich jung und unerfahren wahr, strebte ich nach dem einen Moment der Erkenntnis, der Klarheit, der Wahrheit. Wo auf einmal alles Sinn ergeben würde. Ich mir meiner selbst voll bewußt wäre. Wo ich die Antwort auf alle in mir drängenden Fragen hätte und auch für künftige. Wo mein Bewußtsein auf einmal voll da wäre. Ich ging davon aus, dass es genau darum geht im Leben. Oder zumindest in meinem Leben. So genau hätte ich das damals allerdings gar nicht beschreiben können. Doch etwas in der Art war mein Antrieb, lief wie ein Motor in mir.
Dann kam tatsächlich der Moment des Durchbruchs, fühlte sich so groß und erhaben an, so stark und tragend, so ultimativ. Ich war glücklich, mein Ziel erreicht zu haben. Erwartete, dass alles weitere nun leicht sein würde. Doch die Offenbarung verblaßte nach und nach. Die erste Klarheit wich mit der Zeit unmerklich neuen Herausforderungen und Zweifeln. Ja, die Kraft der großen Erkenntnis trug mich ein gutes Stück weiter, legte alte Muster und neue Kompetenzen frei. Doch erwies sie sich nicht als stark und dauerhaft genug für die weiteren Abschnitte des Weges, der noch vor mir lag. Sondern nur für diesen einen. Doch das wurde mir erst später klar.
Erst verstand ich die Welt nicht mehr. Dachte, ich hätte einen Fehler gemacht, nicht genug aufgepaßt. Doch es war, wie es war. Also strebte ich wieder diesen Durchbruch an, den Befreiungsschlag aus der Schwere, den Nebeln und Fallstricken dieses Lebens. Und ja, ich erreichte ihn! Was für ein Triumph. Was für eine Erleichterung. Natürlich war ich sicher, dass ich es diesmal richtig gemacht hätte, dass es halten würde. Für immer. Heute kann ich darüber lächeln. Es war gut, dass ich mir so sicher war. Daß ich auch nach der erneuten Enttäuschung, weil der Weg nach dem Gipfelerlebnis wieder hinab in ein neues Tal und vertraute Schattenthemen ging, einfach weiter machte. Obwohl, einfach war es nicht, sondern eher frustrierend. Doch was blieb mir übrig? Ich wollte doch die Klarheit, die bleibt, den inneren Frieden, weil sich alles passend anfühlt, mich vollkommen erkennen in meinem Wesen und die Welt ebenso.
So ging es weiter, Runde um Runde, bergauf und bergab. Die Enttäuschungen wurden mit der Zeit weniger stark, der Wille zum Weitermachen größer. Eine Art Akzeptanz wuchs anfangs eher unbemert in mir. Bis zu dem einen Moment der Klarheit, der anders war, als erwartet. Da erkannte ich plötzlich - wahrscheinlich während irgendeines An- oder Abstiegs - daß es genau so funktioniert. Daß ich keinen Fehler gemacht hatte. Außer mit der Annahme, daß Erkenntnis, Erwachen, Erleuchtung eine stringente Angelegenheit wären, ein Weg von A nach B, ein einmal zu übernehmender und abzuschließender Auftrag, nach dem ich dann für ewig meine Lorbeeren polieren und die Früchte meiner Arbeit genießen könnte. So ist es nicht. Jedenfalls nicht für mich. Und ich habe es auch von vielen anderen so gehört. Uns würde ja die Birne durchbrennen, wenn plötzlich die gewaltige Elektrizität eines Blitzes durch uns strömen würde. Also dürfen wir – oder wahrscheinlich die meisten - uns im Laufe unseres Lebens aufleveln, unsere Kapazität für Erkenntnis, Licht und Bewußtsein nach und nach erhöhen. Uns an jedem Durchbruch erfreuen, jedem großen Moment bisher unerreichter Klarheit, erweiterter Fähigkeiten, neuer Lebensmöglichkeiten, für die wir auf einmal den Mut spüren oder die Begeisterung für einen gänzlich neuen Weg.
Dieses Gedicht von Rainer Maria Rilke beschreibt meine eigenen Erfahrungen ziemlich gut:
„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm,
oder ein großer Gesang.“
Und so bin ich in dem Modus angelangt, wo die Durchbruchsmomente nicht mehr das Optimum oder Ziel für mich sind. Wo sich eine Gelassenheit, eine Klarheit und ein innerer Frieden genau dadurch einstellen, daß ich mir einfach des jeweiligen Moments und mir darin bewußt bin. Das reicht. Grade das ändert die Lebenserfahrung komplett.
Ein neuer Auftrag, eine neue Erkenntnis, werden dann nicht mehr mit zitterndem Herzen und zitternden Knien empfangen, während der Kopf direkt alle Notfallprotokolle abspult. Es fühlt sich nicht mehr wie eine Ausnahmesituation an. Denn dies sind die Auswirken eines ständigen Drucks, das Maximum zu erreichen, die eigenen Erwartungen oder gar anderer zu erfüllen, endlich den Sieg einzufahren. Sondern da ist nun stattdessen eine Neugier in mir, ein Abenteuergeist, eine stille innere Freude am Wachstum, gepaart mit einer leichten Unsicherheit, weil das kommende offen und nicht vorherbestimmbar ist. Doch diese Unsicherheit läßt mich achtsamer durchs Leben gehen, mich in jedem Augenblick meinen Standpunkt prüfen, meinen Fokus, meine Offenheit für das Jetzt. Ob ich die passenden Begleiter habe. Ob es wirklich mein eigener Weg ist, den ich gehe, statt einer, den andere für richtig halten.
Ich freue mich mittlerweile an jedem Abschnitt meiner Reise. Weil sie wertvoll ist, ich wertvoll bin. Und weil Geschenke und Segnungen überall am Wegesrand liegen. Jetzt erkenne ich sie, wo ich meinen Blick auf den jeweils nächsten Schritt richte, statt auf einen Gipfel oder die Sterne als das vermeintliche Ziel. Das Ziel liegt in mir und ich trage es in jedes Jetzt.
Frija Birkenherz, 13.8.2026