Verzicht und Reunion

Mein Leben lang habe ich mich klein gemacht. Oder sagen wir so. Ich habe es sehr früh gelernt. Gezwungenermaßen. Weil die Reaktionen der wichtigsten Menschen für ein Baby, ein Kind, nunmal der Spiegel sind, der das Selbstbild formt. 

Dabei ging es meinen Eltern einfach wie vielen Menschen, die das Leben kaum aushalten können, also das Unpassende draußen lassen. Die auch nicht innehalten können, also das Passende in sich finden, erspüren, bewahren. Die überhaupt des Lebens nicht wirklich mächtig sind. Denn leben heißt lieben. Und wer begeift schon, was Liebe wirklich ist? Daß sie der Grundstoff ist, aus dem wir bestehen. Und alles andere auch. Daß nur liebendes, fließendes Sein uns wirklich leben läßt. Ich selbst wußte es ja auch lange nicht. Weil mir dieses Wissen, die Fähigkeit schon als kleines Kind entzogen wurde, so wie meinen Eltern und wer weiß wie vielen Generationen vorher. 

Also hatte ich gelernt, das Leben draußen zu halten, um den Schmerz draußen zu halten. Denn Leben schien ständige Ablehnung, Zurechtweisung, Verbote und Anweisungen, Lieblosigkeit, Ernsthaftigkeit, Angst, Vermeidung, Ohnmacht, Abwertung und Beschämung mit sich zu bringen. Viel zu viel davon für ein höchst empfindsames, kleines Wesen. Das als Folge davon zu einem Igel wurde, der als geschlossene Stachelkugel durchs Leben rollte. Ein Feuerpferd, das sein Feuer selber löschte und sich einen eigenen Stall baute, um darin zu stehen, statt wild und kraftvoll über die Wiesen zu galoppieren. Ein Fisch, der dem Meer mißtraute und freiwillig in ein Aquarium sprang. Ein Vogel, der aufhörte zu fliegen und sein Nest zu verlassen, sondern nur noch davon träumte. 

Traurigkeit, Langsamkeit, Isolation waren aus dem geworden, was einst Leben war. Nun war es bloßes Überleben. Ständiger Streß. Namenlose Angst. Nicht auffallen, nicht anecken, nichts sagen, was Ärger erregen könnte oder Widerspruch, nichts tun, was Mißfallen auslösen würde, keine Gefühle oder Bedürfnisse äußern, die andere überfordern könnten und dadurch wütend machen. Damit auch Verzicht auf alles Schöne, Nährende, Wärmende, Erfüllende, Begeisternde. Eingetauscht für ein Gefängnis aus selbsterschaffenen Mauern. Stille. Unsichtbarkeit. Und wenn im Außen dennoch einige Lebensereignisse abliefen, sichtbar waren, dann nur mit mir als Schauspieler in einem vorgegebenen Theaterstück ohne eigene Verantwortung. Mich selbst kannte ich gar nicht mehr.

Seitdem ist viel Geschehen. Mein Weg durch die Nacht. Erinnern. Ausgraben. Wiederfinden. Neubeleben. Liebenlernen. In Abgründe schauen. Mich selbst ins Leben gebären und sanft ermutigend begleiten, wie ich es als Kind gebraucht hätte. Über Jahre mit viel Willensstärke, Überwindung und Bereitschaft für schmerzhafte Erkenntnisse. Allein. Oder mit sorgsam ausgewählten Begleitern, denen ich mich zu öffnen traute.

Doch all die Mühe, der hohe Einsatz, die unzähligen Erfahrungen, Wut und Tränen, die vielen Fehler, Verluste und Momente des Scheiterns haben sich absolut gelohnt. Denn nun stehe ich hier. Gewandelt. Klar. Bei mir. Mit mir. In der Welt. An genau dem Platz darin, der für mich vorgesehen ist. Mir und dem Göttlichen trauend, daß der nächste Schritt sich immer zeigt, wenn es so weit ist. Die passenden Weggefährten im richtigen Moment auftauchen. Und auch wieder verschwinden, wenn es so bestimmt ist. Mich Orte rufen, an denen ich sein soll. Und daß mein Sein, Wirken, Schaffen, Tanzen, Träumen, Sprechen, Handeln, Bewahren, Ändern, daß einfach alles in meinem Leben genau richtig ist. Wertvoll. Der ewige Fluß der Liebe. Sie wie bei jedem anderen Menschen auch.

 

Und jeder der mir widerspricht

hat Recht.


Jede Lage kann etwas bewirken. Jeder Lebensmoment ist kostbar. Die Frage ist einzig: Bin ich bereit, das Geschenk darin zu erkennen und anzunehmen? Nutze ich die sich bietende Möglichkeit für Erkenntnis und Befreiung? Nehme ich die Herausforderung an, heile und wachse dadurch?

Meine Antwort ist: Ja! Die Liebe will es so. Die Liebe, die durch mich, als ich, in die Welt strömt, sich ergießt, andere berührt, erfaßt und mitnimmt. Oder auch zurück weichen läßt, wie manche Menschen am Meeressaum, die sich die Füße nicht naß machen wollen, denen das Wasser zu kalt ist, die Angst vor der Tiefe und dem Ertrinken haben in unbekannten Gewässern, in den unkontrollierbaren Strömungen der Gefühle. Das ist in Ordnung. Alles darf sein. Auch mir ging es so. Und manchmal schwanke ich noch. Doch zurückweichen werde ich nicht mehr. Dafür ist meine Entscheidung zu klar und fix, daß dieses Leben nur als liebendes, vollends lebendiges, einzigartiges und seine Eigenarten zeigendes Wesen Sinn macht, das seine Begabungen mit höchster Freude genießt, die Schwächen gütig lächelnd annimmt. Bei sich selbst und dadurch auch bei anderen. Letzendlich in der Erkenntnis und dem Empfinden, daß alles eins ist. Und wenn ich dies tue, können andere es auch. Das ist mein Geschenk. Das Ende einer Reise, das gleichzeitig immer der Anfang der nächsten ist. 


 

Frija Birkenherz, 21.8.2026

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