Lichtnacht
Lass fließen, strömen in die Nacht hinaus. Der Himmel leuchtet seinen Lauf, und Sterne weisen still voraus.
Offen ist das Wort, das klingt, spricht Wahrheit aus – von dem, was kommen mag.
Menschen tragen schwere Last. Wohin nur gehen? Wo soll er stehen, der Mensch, der Halt nicht findet, innen nicht mehr klar.
Regungslos das Herz, das längst erstarrt. Worüber wachte einst sein Leben? Er weiß es nicht. Fragen steigen, immer mehr.
Wo ist es, das Licht, das einst versprochen war? Dunkelheit – nur Dunkelheit. Erfahrung spricht von dem, was war.
Nicht nah die Liebe, fern erscheint sie im eigenen Sein. Keine Kraft, kein Lebenssaft.
Doch fühlen muss der Mensch, um zu erwachen, was Gott ihm schenkt. Vertreibt die Nebel, schwer sie liegen, wiegend auf dem Land. Trauer, Angst – und es wird ganz.
Überwunden sind Kummer und Gram. Öffne die Augen, sieh hin – lass fallen die Scham.
Gott schaut dir ins Angesicht.
Das Licht – hier, hier, ruft es: „Siehst du mich?“
Da öffnet sich Brust und Raum. Kaum glaubt der Mensch, was er dort sieht: Leuchten ist’s, Liebe ist’s, die in ihm fließt.
So lang nicht gefühlt. So lang nicht gespürt. So lang nicht gesehen.
Es spricht von dem, was immer war und immer ist.
Nicht mehr verstehen – fühlen. Gehen – wohin das Herz ihn trägt.
Nach Hause. Nach Hause geht’s.
Brüder, Schwestern – alle reichen sich die Hand.
Wir sind ganz. Wir sind ganz.
Fühlbar, in allen Zellen eins. Durchwoben, durchlichtet – alles EINS.
Nichts mehr zu tun. Einfach ruhn.
Stille breitet sich aus. Stille – und Ewigkeit.
Nachbetrachtung
Dieses Wortbild entfaltet den Weg einer Seele, die durch die Tiefe der Nacht hindurch in die eigene innere Wahrheit zurückgeführt wird. Die Verse tragen die Bewegung von Schwere, Orientierungslosigkeit und Erschöpfung hin zu einem heiligen Moment des Erwachens. Die Dunkelheit erscheint nicht als Strafe, sondern als Erfahrung – als das, was den Menschen lange umhüllt hat, aber nie sein Wesen berührte.
Die Wende geschieht dort, wo der Mensch das Denken loslässt und das Fühlen wieder zulässt. Erst im Spüren öffnet sich der Raum, in dem Gott dem Menschen ins Angesicht schaut – nicht als fernes Wesen, sondern als Licht, das im Innersten wohnt. Es ist eine Rückkehr in die uralte Vertrautheit der Liebe, die nie aufgehört hat, zu sein.
Der Text führt weiter in eine Erfahrung des Einsseins: Brüder und Schwestern reichen sich die Hände, Grenzen lösen sich, und die Zellen selbst erinnern sich an ihr Leuchten. Hier zeigt sich eine tiefe Wahrheit: Die Einheit ist kein Ziel, sondern ein Zustand, der immer da ist und nur wieder erkannt werden will.
In der Stille am Ende – jenseits von Tun und Mühen – offenbart sich das Zeitlose. Es ist die Heimkehr in das Eigentliche, in das Licht, das trägt, das heilt und das in jedem Menschen ruft. Die Verse werden so zu einem inneren Wegweiser, der nicht erklärt, sondern berührt und einlädt, der eigenen leisen Stimme wieder zu folgen.